Das Gehirn ist vorne und der „Arsch“ fährt hinten und strampelt

Foto: Keller
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Du hast neue sportliche Herausforderungen bei den Stehern gefunden. Wie kam es dazu?

Seit mehreren Jahren finden im Rahmen der Ostsee Rad Klassik auf der Radrennbahn Rostock, im Damerower Weg, Steherrennen statt. Um einen Höhepunkt für die diesjährige 7. Auflage  am 02.09.2017 zu schaffen, überlegten Kurt Welke als Mitorganisator des Stehercups und mein SpoLei Jörg Wolff-Gebauer einen Rostocker Steher an den Start zu bringen. Beide sprachen mich an, ob ich mir vorstellen könnte, Steherrennen zu fahren. Natürlich hatte ich Lust und ohne zu wissen was auf mich zukommen würde, sagte ich spontan zu.

Da wir alle keine Erfahrungen in dieser Disziplin hatten, haben wir uns mit der Bitte um Unterstützung an den ehemaligen Steherweltmeister Rainer Podlesch gewandt, der mir bis heute mit Tipps und Material zur Seite steht. Anfang Juni ging dann alles ganz schnell. Ich hatte die Möglichkeit in Forst hinter der Maschine zu trainieren und durfte einen Tag später gleich mein erstes Rennen fahren. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Verantwortlichen in Forst, die mir für meine erste Saison einen Steherrahmen zur Verfügung gestellt haben.

Man kann schon sagen Du hast mittlerweile Blut geleckt. Was fasziniert Dich an den Rennen?

 

Drei Dinge: die konstant hohe Geschwindigkeit, der Sound der Schrittmachermotoren und die Atmosphäre in den Radstadien. So fiebern in Forst schonmal um die 1500  Zuschauer mit!

Was ist neu für Dich?

Den extrem großen Gang ununterbrochen treten zu müssen. Übersetzungen von 66/14 sind keine Seltenheit. Und die daraus resultierenden Schmerzen.

Wo lernst Du noch dazu?

Überall. Jedes Rennen ist anders. Vor allem in der Startphase kann man sich die eine oder andere Position sichern oder eben auch verlieren.

Wie bereitet man sich auf die Rennen vor?

Am besten eignet sich natürlich die Teilnahme an Rundfahrten oder Rennen um mehr Tempohärte zu bekommen. Ansonsten viel spezifisches Training. So kann man bspw. mit Motortraining einige Rennsituationen simulieren oder idealerweise mit einem starren Gang auf der Straße in unregelmäßigen Abständen immer wieder beschleunigen.

Hilft Dir das auch bei Straßenrennen?

Durch die hohen Geschwindigkeiten und den hohen Gang den man tritt, kann man die Tempohärte, die man auf der Bahn erlangt, natürlich auch mit auf die Straße nehmen.

Wie funktionieren die Absprachen mit dem Steher? Wie sieht die Taktik im Rennen aus?

Es gibt zwei Kommandos für den Schrittmacher: „Allez!“ bedeutet schneller und „Oooh!“ langsamer. Durch einen Helm mit nach hinten geöffneten Klappen, den der Schrittmacher trägt, kann er diese beiden Kommandos während des Rennens hören.
Die Taktik ist abhängig vom Schrittmacher und Rennverlauf. So sitzt das Gehirn vorne und der „Arsch“ fährt hinten und strampelt, so sagt man es in der Steherszene. Schrittmacher und Fahrer müssen also ein gut eingespieltes Team sein.

Wie groß ist die Steherszene?

Im Vergleich zum Straßenradsport ziemlich klein. Es ist leider zu einer Randsportart geworden. Seit 1994 gibt es keine Weltmeisterschaft mehr. Je nach Größe der Radrennbahn können 6 bis 8 Gespanne gleichzeitig fahren, was das Fahrerfeld zahlenmäßig natürlich begrenzt. Meist gibt es, abhängig vom Veranstalter, um die 16 Startplätze die besetzt werden. Dennoch ist die sportliche Qualität der Fahrer sehr hoch.

Warum ist der Sport aus Deiner Sicht für Zuschauer interessant?

Es gibt ziemlich packende Positionskämpfe bei extrem hohen Geschwindigkeiten bis zu ca. 80km/h. Dabei sind die Fahrer immer in Sichtweite und der Zuschauer kann die Angriffe und so die Dynamik des Rennens genau verfolgen.

Die ersten Rennen hast Du schon erfolgreich bestritten. Wie sehen Deine weiteren Ziele aus?

Bei der DM war ich überrascht, es überhaupt ins Finale geschafft zu haben. Mein Ziel ist es aber natürlich, irgendwann regelmäßig vorne mitfahren zu können.

Gegen wen fährst Du bei den Ostsee Klassiks und was dürfen die Fans erwarten?

Meine Gegner stehen, soweit ich weiß, noch nicht zu 100% fest. Bekannt ist aber, dass es ein internationales Starterfeld sein wird mit Fahrern aus Tschechien und den Niederlanden. Die Fans dürfen sich auf hochkarätigen Sport, eine einzigartige Atmosphäre mit AWOs als Schrittmachermaschinen, hohen Geschwindigkeiten und packende Positionskämpfe freuen. Es werden drei Durchläufe gefahren zu je 15, 20 und 25km (60/80/100 Runden).
Neben den Steherläufen finden auch internationale Sprintwettkämpfe statt, wie z.B. Keirin. Auch die versprechen Spannung und Spitzensport.

Alle, die Lust bekommen haben Radsport live und hautnah zu erleben, sind herzlich auf die Radrennbahn am Damerower Weg eingeladen. Los geht’s am 02.09.2017 um 13.00 Uhr mit dem ersten Lauf der Steher. Der Eintritt ist frei. Und ich würde mich natürlich über lautstarke Anfeuerung auf meiner Heimbahn freuen!