Könnte man ein Fahrrad heiraten...

Könnte man ein Fahrrad heiraten, ich würde das Merida Reacto 907 sofort um seine Kurbel bitten.

Da stand ich nun mit meinem Reacto in Ahrenshoop am Eiscafe. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite. Allein war ich mit meinem Reacto nicht lange. Noch ehe ich mein Eis nur angeleckt hatte, flitzten die ersten neugierigen Blicke über die flächigen Carbonholme des Merida „Sind Sie Profi?“ Ein bisschen stolz und gleichzeitig peinlich berührt konnte ich mit voller Stolz sagen; mein Sportgerät trägt zumindest Profigene in sich und ich bin Teammitglied des einzigen Amateur-Teams in Mecklenburg Vorpommern. Doch es stimmt, dass Merida Reacto versprüht Atmosphäre von Kraft, Dynamik und Rennsport.

Mit aller mir obgleich dieses Flairs und der Optik des Rads möglichen Objektivität machte ich dann erste zarte Gehversuche über den Darß nach Rostock. Denkste! Offenbar ist langsames Rollen mit diesem Rad nicht möglich. Keine dreißig Meter nach dem Klicken des zweiten Pedals gingen ich und meine „Klinge“ schon durch die Schallmauer.

Das war auch der Moment, in dem mir klar wurde, dass mein Puls heute sehr selten unter 160 Schläge kommen würde.

Zum Rad:
Der Rahmen ist für den Rennsport konzipiert worden. Das sieht man nicht nur, sondern das spürt man auch beim Einstellen der Sitzposition. Durch die gestreckte Sitzposition ist eine Schonhaltung nicht wirklich möglich. Ergebnis ist eine topp aerodynamische Haltung.

Das Spiel mit der Luft ist scheint beim Reacto Maßgabe gewesen zu sein. Alle Rohre des Hauptrahmens sind an die Luftströmungen angepasst, nur leider wurde das Steuerrohr ausgelassen und scheint mir ein wenig zu hoch konstruiert zu sein. Wiederum wurde bei der Verlegung der Schaltzüge konsequent auf Aerodynamik geachtet, da sich sämtliche Züge im Rahmen befinden. Was natürlich das Gesamtbild des Reacto sehr Aufgeräumt wirken lässt.

Zum Thema Kurvenfahrt lässt sich nicht wirklich viel sagen, da die hier vor Ort vorherrschende Straßenführung strickt grade bedeutet. Aber in den wenigen Kurven die mir zur Verfügung standen muß ich sagen, dass man auf dem Reacto ein sehr sicheres Gefühl hat, als wäre man angeschnallt. Ebenso vermittelt der Hinterbau eine Laufruhe á la Luxuslimousine. Zu den Vittoria Rubino Pro Reifen sei hier kurz erwähnt: es gibt bessere Reifen, insbesondere bei Regennasser Fahrbahn. Optisch gesehen, stellt die Kombi aus schwarzer Lauffläche und blauer Flanke die Ideallösung dar und passt somit perfekt zum Reacto.

Nun mal genauer betrachtet, was nützt die schönste Aero-Optik wenn das was im Rollen der gute Luftwiderstand wettmacht dann unter Druck durch ein seitlich instabiles Tret- oder Steuerlager wieder verspielt wird. Also allmählich auch 40 km/h rauf – großen Gang ketten – aufstehen – und drei - zwei – eins – Hölle, ich werde dem Rad nicht gerecht.
Zwölf harte Tritte, der Wind drückt immer fester ins Gesicht, von alleine beschleunigt das Rad nicht, aber die imaginäre Wand, gegen die man sprintet, ist tatsächlich nicht ganz so hart wie sonst. Ok, ich bin in letzter Zeit nur Mtb und Crosser gefahren, aber egal. Es fühlt sich wirklich guuuuut an. Weiter und weiter steigt die Trittfrequenz, das Ende markiert eher meine fehlende Form. Das Tretlager scheint wie in Beton gegossen, Lenker und Vorbau haben das Wort „Verformung“ offenbar noch nie gehört. Alle Kraft vom Lenkerende bis zur Hinterachse steht dem Vortrieb zur Verfügung.

Die komplett gerade Gabel lässt sich trotz der großen Lastwechsel im Wiegetritt ganz leicht in der Spur halten. Das Lenkverhalten ist, vielleicht auch durch meinen langen 120 mm Vorbau, für ein solch aggressives Design sowieso vorbildlich ruhig. Außerdem ist die Carbongabel von Merida bildschön, perfekt an das Rad angepasst. Das gilt auch für die Sattelstütze. Müßig zu erwähnen, dass die Tropfenform an der Sattelstütze ebenso verwandt wurde.

Die Sattelklemmung sitzt Bombenfest und lässt ausreichend Verstellmöglichkeiten zu. Der Sattel selbst stammt von Selle Italia, ist recht hart und schmal. Naja zu meinem Hintern passt er nicht wirklich und somit für mich das Fazit, komfortabel ist anders. Aber der SL …. er passt optisch so gut zum Rad, dass man glatt darüber hinweg sehen könnte, wenn man ein wenig eitel ist.

Nicht übersehen lassen sich die Laufräder. Die sollten mit Sicherheit einen großen Anteil zur Reduzierung des Luftwiderstands- und Steifigkeitswerten des Rades beitragen. Naja, sollten sie! Aber tun sie nicht. Schwer und schlecht verarbeitet, Aerodynamisch ist etwas anders. Oder was will Fulcrum uns mit dem Mix aus Messer- und Rundspeichen sagen. Die Laufräder bedeuten wie bei mir selber, derzeit Übergewicht, und zweitens sehen sie am Reacto aus wie Stahlfelgen auf einem Ferrari. Also runter damit! Für die tägliche Trainingsausfahrt werden sie genügen. Über die Funktionalität der bewährten Teile aus Japan braucht wohl keiner mehr ein Wort zu verlieren. Gleiches gilt für Lenker und Vorbau von FSA, vielleicht gewichtsoptimierbar aber ohne jeden Tadel!

Ohne Worte kommt man bei den Details nicht aus. Die wunderschön in und durch den Rahmen fließenden Züge, die Aero-Rohre und das wuchtige Tretlagergehäuse und dann noch überzogen von einem perfekten Lack.

Fast nur, um nicht unglaubwürdig zu wirken, seien hier noch die Mängel des Rades erwähnt. Das sind … tja, …. Ach ja, die Schaltzüge klappern - verstärkt durch den Klangkörpereffekt des Carbonrahmens. Das war’s an Mängeln.;-))

Fazit:
Der Moment, in dem ich mich wieder von meinem Merida Reacto trennen muss, wird ein ganz bitterer. Zum Glück steht es ja nur in meinem Fahrradraum, keine 10 m von mir entfernt. Das Rad ist für einen Amateur wie mich eine echte Offenbarung. Eine echte Fahrmaschine.
Alleine der Blick nach unten reichte, und schon gingen noch 20 Watt mehr. Und die Gewissheit, der Luft so wenig wie möglich Fläche zu bieten, spornt nochmals an. Die Haltung auf dem Renngefährt ist nicht die komfortabelste und wenn der Rahmen auch recht gute Dämpfungseigenschaften zu haben scheint, es ist und bleibt ein brachial hartes Sportgerät.

Interessant war beim Test übrigens noch, wie viele Passanten sich interessiert den Hals verrenkten und die Augen gar nicht mehr von meinem Sportgerät lassen konnten. Ein toller Trainingstag mit 150 km auf der Uhr, dem an sich erst die Sonne ein Ende setzte. Und jetzt gehe ich noch einmal in mein Fahrradzimmer, streichele mein Reacto und sage Ihm das ich immer fleißig und hart Trainieren werde um irgendwann einmal ein guter Rennfahrer zu werden.

Grüße der Kai

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Kommentare: 1
  • #1

    Nino (Samstag, 02 Juni 2012 20:52)

    Eine toller Bericht und man merkt die Liebe zum Fahrrad :-)